Architektinnen im Interview

Projekt von Charlott Serwatka

Anthos Scenography – Polimoda Graduation Show 2023 / (ab)NORMAL
© Tiziano Ercoli

Für dieses Projekt wurden zeitgenössische Architektinnen in Deutschland eingeladen, einen offenen Fragenkatalog zu ihren Ausbildungs- und Berufserfahrungen zu beantworten.

Die Interviews thematisieren biografische Zugänge zur Architektur, Erfahrungen im Studium, den Einstieg ins Berufsleben, Arbeitskulturen, Rollenverteilungen, Care-Arbeit sowie Fragen von Sichtbarkeit, Anerkennung und struktureller Macht. Ziel ist es, individuelle Perspektiven sichtbar zu machen und persönliche Erfahrungen mit größeren systemischen Bedingungen zu verknüpfen.

Die Interviews ergänzen die historischen Projekte um gegenwärtige Stimmen und zeigen, wie sich geschlechtsspezifische Ungleichheiten in der Architektur bis heute fortschreiben – aber auch, welche Veränderungen denkbar und notwendig sind.

Wie sind Sie zur Architektur gekommen?

Habe zunächst etwas halbherzig Theologie studiert und als ein Jugendfreund mir berichtete, dass er Architektur studieren wird, wusste ich sofort: Das will ich auch! Obwohl ich sogar den Kunstleistungskurs besuchte, war das einfach nie ein Thema.

Gab es Personen, die Sie inspiriert oder bestärkt haben, diesen Weg zu gehen?

Vorbilder, vor allem im Sinn von Role Models habe ich erst sehr viel später und auch dann nur sehr wenige gefunden.

Wann haben Sie zum ersten Mal das Gefühl gehabt: „Ich werde Architektin“?

Eigentlich erst nach dem Studium, als tatsächlich etwas gebaut wurde, was ich entworfen und gezeichnet hatte. Das war damals der Umbau der Kantine eines Finanzamtes.

Wie haben Sie die Atmosphäre im Architekturstudium erlebt – insbesondere als Frau?

Bei uns gab es als Studierende mindestens hälftig Frauen, die das Geschehen inhaltlich sogar eher dominiert haben. Die Atmosphäre war nicht frei von Konkurrenzdenken, grade unter den Frauen. Professorinnen gab es wenige und ohne, dass meine Wahrnehmung deswegen eine andere war.

Gab es Momente, in denen Sie sich weniger ernst genommen gefühlt haben?

Nein!

Wie wurden männliche vs. weibliche Studierende bewertet oder wahrgenommen?

Aus meiner Sicht völlig gleichwertig. Vielleicht spielte bei der Bewertung von Frauen das Aussehen und der Style eine größere Rolle, insbesondere durch die Mitstudierenden.

Haben bestimmte Aufgaben, Entwurfsbetreuungen oder Studio-Kulturen Geschlechterrollen reproduziert?

Nein!

Wie war Ihr Übergang vom Studium in die Praxis?

Durch die Partnerschaft mit meinem ersten Ehemann bzw. den Eintritt in sein Architekturbüro eher unkompliziert.

Hatten Sie das Gefühl, sich mehr beweisen zu müssen als männliche Kollegen?

Eigentlich nicht von Anfang an, erst als ich nach der Trennung selbst als Alleininhaberin meines eigenen Büros tätig war.

Welche Aufgaben haben Sie zu Beginn bekommen – und welche nicht?

Aufgrund meiner Stärken im Entwurf eher gestalterische Aufgaben. Die technischeren Aufgaben haben oft andere gemacht, das ist vielleicht typisch.

Wie sind Aufgaben in Ihrem Büro / an Ihrem Arbeitsplatz typischerweise verteilt?

Als Partnerin muss ich mich um alles gleichermaßen kümmern und die Mitarbeitenden haben keine geschlechtsspezifischen Aufgaben.

Bekommen Sie die gleiche Anerkennung wie männliche Kollegen in vergleichbarer Position?

Eindeutig nein. Zum Beispiel als Architektin eines großen öffentlichen Gebäudes in einer sehr konservativen Gegend Deutschlands muss ich mich vor Ort ständig beweisen. Es wird mir Entwurf zugetraut, aber bei der Ausführung gibt es viel Zweifel und Besserwisserei, eher zu wenig Respekt und Anerkennung.

Welche Hürden haben Sie auf Ihrem beruflichen Weg erlebt?

Kinder sind mit unserem Beruf zu vereinbaren, auch weil ich das Glück hatte, sie am Anfang ins Büro mitzunehmen. Aber es bleibt eine Hürde!

Meine Gastprofessur habe ich aber gekündigt, weil ich schwanger war und nicht Büro und Professur behalten konnte. Später, als ich dann Kinder hatte, wurde ich bei Bewerbungen auf Professuren eindeutig benachteiligt.

Gab es einen Moment, in dem Sie bewusst gemerkt haben: „Das passiert gerade, weil ich eine Frau bin“?

Einmal habe ich sehr deutlich gemerkt, dass ein Bauherr gerne mich als Architektin haben wollte, weil er mich attraktiv fand. Das war unangenehm aber ich brauchte den Auftrag. Wahrscheinlich habe ich deswegen sowohl Aufträge bekommen als auch nicht bekommen.

Große Investoren flirten oft gerne, trauen aber Frauen zu wenig zu, um sie tatsächlich zu beauftragen. Vor allem wenn es sich, wie bei mir um ein ausschließlich von Frauen geführtes Büro handelt.

Wie erleben Sie den Konkurrenzdruck, z.B. in Wettbewerben oder bei Beförderungen?

Beförderungen kenne ich als selbstständige Architektin nicht. Anonyme Wettbewerbe sind für mich die beste Möglichkeit als Frau absolut gerecht behandelt zu werden.

Haben Sie jemals gegen geschlechtsbezogene Vorurteile ankämpfen müssen?

Irgendwie steht immer noch im Raum: Frauen können gut entwerfen und haben Geschmack, aber in der technischen Umsetzung sind die Männer besser.

Wie vereinbaren Sie Arbeit und Privatleben?

Jetzt, wo ich keine Kinder mehr zu betreuen habe, ist es sehr einfach. Früher war es anstrengend.

Ist die Architekturbranche mit ihren typischen Arbeitszeiten für Frauen (oder Menschen mit Care-Verantwortung) realistisch?

Eigentlich schon. Habe mir jahrelang alles mit dem Vater geteilt, abwechselnd hat einer nachmittags früher aufgehört und die Kinder abgeholt und betreut.

Das klappte, war aber anstrengend, weil man dann bis 16:00 noch viel schneller arbeiten musste, meistens ohne Pause. Und die Kinder brauchen ja dann auch Kraft.

Haben Sie beruflich Nachteile erlebt, weil Sie Kinder bekommen haben?

Nicht wirklich, aber ohne Kinder hätte ich mehr Zeit und Kraft für mein Büro gehabt und wäre vielleicht noch etwas erfolgreicher gewesen.

Finanziell musste ich am meisten kämpfen, Kinder sind teuer und unsere Projekte sind nicht immer gut honoriert.

Was müsste sich ändern, damit Care-Arbeit sich nicht negativ auswirkt?

Bei Selbstständigen wird es wahrscheinlich immer so sein, dass mehr Arbeit und Engagement zu mehr Erfolg führt. Bei Mitarbeitenden gibt es gute Modelle, vor allem mit mehr Flexibilität in der Arbeitszeit. Sie dürfen aber nicht nur zu Lasten der Büroinhaber gehen.

Homeoffice finde ich im Architekturbüro nicht optimal. Gerade für Frauen kann das leicht eine Falle sein.

Gibt es Beispiele, in denen Ihre Arbeit einem anderen (z. B. männlichen Kollegen) zugeschrieben wurde?

Zumindest fanden männliche Projektleiter teilweise mehr Anerkennung bei Firmen und Bauherren als ich, obwohl ich Büroinhaberin bin. Vermutlich wurde ihnen auch die Hauptarbeit zugeschrieben.

Wie präsent finden Sie Architektinnen in Medien, Jurys, Publikationen und Architekturpreisen?

Eigentlich in den letzten Jahren präsenter, auch durch entsprechende Festivals und Publikationen. Aber das wird nur spezifisch wahrgenommen. Und wenn bei von Paaren geführten Büros aufgrund der Genderthemen die Frau nach vorne gestellt wird, mag ich das nicht so gerne, auch wenn es der Statistik scheinbar hilft.

Gleichzeitig nehme ich wahr, dass Architektinnen in manchen Zusammenhängen gar keine Rolle (mehr) spielen und sich wieder ganz alte Klischees und männerdominierten Settings etablieren.

Was kann Architektur tun, um gesellschaftliche Ungleichheiten zu verringern?

Es müsste mehr Frauen als Auftraggeber im öffentlichen und vor allem im privaten Bereich geben, die dann entsprechend solidarisch agieren.

Der gesamte Bausektor ist vorwiegend männlich besetzt, vor allem auch bei Fachplanenden und ausführenden Firmen. Hier werden Architektinnen selbst in Führungsrollen weiterhin zu kämpfen haben, eben weil sie (fast) nur als solche präsent sind.

Derzeit sehe ich keine Tendenz zu mehr Bauingenieurinnen, Bauarbeiterinnen und Handwerkerinnen und das wird auch zu wenig thematisiert.

Welche Rolle spielen diese Themen überhaupt für Sie im Berufsalltag?

Sie spielen vor allem auf der Baustelle schon eine große Rolle, dort bin ich fast immer die einzige Frau. Das ist manchmal durchaus aber auch lustig und erfrischend.

Welche Veränderungen in der Branche wünschen Sie sich?

Überall im Bausektor mehr Frauen, nicht nur als Architektinnen.

Was würden Sie jungen, angehenden Architektinnen mitgeben?

Vielleicht doch nicht zu viel über dieses Thema zu reflektieren sondern einfach eine gute Arbeit machen!

Wie stellen Sie sich eine gerechtere Architekturpraxis vor?

Dass Frauen bei der Auftragsvergabe, in der Planungsphase und auf dem Bau genauso respektiert und honoriert werden wie Männer.

Wie sind Sie zur Architektur gekommen? Gab es Personen, die Sie inspiriert oder bestärkt haben, diesen Weg zu gehen?

Ich wollte schon immer Architektin werden und habe schon als Kind immer nur gebaut, bevorzugt Baumhäuser, viele…! Ich bin oft mit dem Werkzeug meines Vaters in das nächste Wäldchen losgezogen, das fand er nicht immer lustig, aber er hat mir tatsächlich dann doch immer beim Bauen geholfen… Meine Eltern haben mich immer darin bestärkt, Architektin zu werden. Beide sind Ingenieure bzw. Stadtplaner und waren in der Forschung tätig, ich bin also zwischen Zeichentischen aufgewachsen. Ich habe auch nie wirklich über einen anderen Beruf nachgedacht. 

Wie haben Sie die Atmosphäre im Architekturstudium erlebt – insbesondere als Frau? Gab es Momente, in denen Sie sich weniger ernst genommen gefühlt haben?  Wie wurden männliche vs. weibliche Studierende bewertet oder wahrgenommen? Haben bestimmte Aufgaben, Entwurfsbetreuungen oder Studio-Kulturen Geschlechterrollen reproduziert?

Ich habe in Weimar studiert und ganz grundsätzlich hatte ich bei den meisten Lehrenden nicht das Gefühl, dass es Unterschiede in der Betreuung männlicher oder weiblicher Studierender gab. Aber tatsächlich gab es auch den Moment, wo z.B. in einer Gruppenarbeit im Fach Tragwerkslehre mit zwei männlichen Kommilitonen unterstellt wurde, die hätten sicher die Arbeit für mich mit übernommen – das Gegenteil war der Fall. Ich habe keine Note bekommen und musste die Arbeit noch einmal machen. Solche Sachen habe ich oft mit westdeutsch sozialisierten männlichen Personen erlebt, die sich Frauen nicht unbedingt in technischen Berufen oder überhaupt als berufstätig vorstellen können. 

Wie war Ihr Übergang vom Studium in die Praxis? Hatten Sie das Gefühl, sich mehr beweisen zu müssen als männliche Kollegen? Welche Aufgaben haben Sie zu Beginn bekommen – und welche nicht?

Ich bin direkt nach dem Diplom nach London gegangen, wo ich ein paar Jahre als Architektin gearbeitet habe, und habe dort keinerlei Form von Diskriminierung erlebt – da hat ganz einfach Leistung gezählt. Ich habe genauso viel Verantwortung bekommen wie männliche Kollegen, und habe schon nach relativ kurzer Zeit Projektleitungen übernommen und bin u.a. Associate geworden. 

Wie sind Aufgaben in Ihrem Büro bzw. an Ihrem Arbeitsplatz typischerweise verteilt? Bekommen Sie die gleiche Anerkennung wie männliche Kollegen in vergleichbarer Position? 

Frauen müssen generall dreimal so viel machen, bevor sie irgendwie ernst genommen werden. Ich bin seit vielen Jahren selbstständig, vor allem auch, weil ich Erlebnisse in grösseren deutschen Büros hatte, wo männliche Kollegen oder Bürochefs tatsächlich gerne Macht demonstrieren, besonders, wenn sie sich irgendwie herausgefordert fühlen. Überlegenheit wird dann auf andere Weise gezeigt, da habe ich einige unschöne Dinge erlebt, besonders auch im Hochschulkontext. In meiner Berufspraxis als selbstständige Architektin wird mir seit vielen Jahren hingegen mit sehr viel Respekt begegnet – da ist klar, wenn sie das nicht drauf hätte, wäre die nicht hier.

Welche Hürden haben Sie auf Ihrem beruflichen Weg erlebt? Gab es einen Moment, in dem Sie bewusst gemerkt haben: „Das passiert gerade, weil ich eine Frau bin“? Wie erleben Sie den Konkurrenzdruck, z.B. in Wettbewerben oder bei Beförderungen? Haben Sie jemals gegen geschlechtsbezogene Vorurteile ankämpfen müssen?

Ein Schlüsselmoment war mit Sicherheit meine Rückkehr aus London, nachdem ich meine erste Tochter bekommen hatte, und mich für Angestelltentätigkeiten als Architektin beworben hatte. Ich bekam gar keine Antwort auf meine Bewerbungen, erst, als ich Elternzeit oder jegliche Hinweise auf Kinder aus meinen Unterlagen entfernt hatte. In Interviews wurde ich gefragt: „Sie haben ja einen beeindruckenden CV, aber Sie haben doch jetzt Kinder, warum wollen Sie denn überhaupt arbeiten gehen?“. An einer Hochschule wurde ich gefragt: „Eine 2/3 Stelle, wie wollen Sie das machen, wann wollen Sie denn da noch die Zeit finden, um die Hemden Ihres Mannes zu bügeln?“. Mir ist klar geworden, dass Deutschland ein sehr zweigeteiltes Land ist, in dem für Frauen nach wie vor eher eine Hausfrauenrolle vorgesehen ist, oder vielleicht ein bisschen Teilzeit.

Meine Mutter, meine Oma haben studiert und immer in Vollzeit gearbeitet, ich habe in meinem Aufwachsen gar nicht geglaubt, dass Gleichberechtigung oder die Diskriminierung von Frauen noch ein Thema ist. Jetzt habe ich verstanden, dasss wir uns Jahrzehnte zurückbewegt haben. Viele Führungspositionen werden nach wie vor hauptsächlich männlich westdeutsch besetzt, man muss nur auf den Anteil ostdeutscher Frauen unter z.B. neuberufenen Professoren achten… Das liegt mit Sicherheit nicht an mangelnder Qualifizierung. Ich bin tatsächlich die erste ostdeutsche Architektin, die 35 Jahre nach der Wende ein Villa Massimo Stipendium gewonnen hat – ob mir das jetzt irgendwas bringt, weiß ich nicht, und ich habe mich seit Jahren nicht so ostdeutsch gefühlt wie jetzt.

Wie vereinbaren Sie Arbeit und Privatleben? Ist die Architekturbranche mit ihren typischen Arbeitszeiten für Frauen (oder Menschen mit Care-Verantwortung) realistisch? Haben Sie beruflich Nachteile erlebt, weil Sie Kinder bekommen haben? Was müsste sich ändern, damit Care-Arbeit sich nicht negativ auswirkt?

Da ich selbstständig bin, gehen Arbeit und Privatleben eher fließend ineinander über… Aber ich bin dadurch auch flexibel, und kann mir meine Zeit selber einteilen. Ich habe aber auch bewusst als Frau mit Kindern die Selbstständigkeit gewählt, weil ich so eher beruflich vorankommen kann und weil ich keine Lust hatte, mich gängeln zu lassen, oder mich bei irgendwem ständig zu entschuldigen. Meine Mitarbeiter arbeiten ähnlich flexibel und nutzen diese Vorteile genauso, ich bin durch meine Lehrtätigkeit und Vorträge etc. auch die halbe Woche nicht im Büro, und so passiert auch viel remote. Das ist alles natürlich anstrengend, und ich weiß auch manchmal gar nicht, wie ich das in den letzten Jahren immer so hinbekommen habe… Mit Sicherheit geht das auch auf die Kosten der Gesundheit. Ich beobachte, dass sich manche Frauen ihrem Schicksal und einem traditionellen Rollenbild fügen, einfach, weil es wahnsinnig anstrengend ist, ständig dagegen anzukämpfen. Es ist für mich z.B. alarmierend zu sehen, wie ehemalige, sehr talentierte weibliche Studierende auf der Strecke bleiben und nicht weiterkommen, weil sie natürlich für Kinder und Haushalt zuständig sind, während sich die Partner beruflich entfalten können.

Gibt es Beispiele, in denen Ihre Arbeit einem anderen (z. B. männlichen Kollegen) zugeschrieben wurde? Wie präsent finden Sie Architektinnen in Medien, Jurys, Publikationen und Architekturpreisen?

Es gab lustigerweise im letzten Jahr die Situation, wo ich ausgerechnet im Rahmen des women in architecture Festivals in MV in den Ankündigungen zu Veranstaltungen grundsätzlich nicht erwähnt wurde. Da sollte ich – den Grund kann ich mir denken – wohl besser nicht so sichtbar werden… Oder dann wird einfach der Titel weggelassen, bei männlichen Kollegen genannt. Es passiert oft auch in Anmoderationen von panel talks, dass männliche Kollegen länger vorgestellt werden, und weibliche kürzer… Oder dass hervorgehoben wird, als Frau dabei zu sein, obwohl man Kinder hat; genauso unmöglich. Ich bin tatsächlich dazu übergegangen, lieber mit Frauen zusammenzuarbeiten.

Was kann Architektur tun, um gesellschaftliche Ungleichheiten zu verringern? Welche Rolle spielen diese Themen überhaupt für Sie im Berufsalltag?

Ich engagiere mich ganz gezielt in der Frauenförderung, z.B. über Mentoringprogramme. Für mich spielt es eine Rolle, gezielt zu fördern, wenn ich die Möglichkeit dazu habe. Ich sehe auch vorallem unter weiblichen Studierenden große Ängste vor dem, was sie im Berufsleben erwartet – zu Recht, besonders in einem sich verändernden politischen Klima. Manchmal frage ich mich, was ich da eigentlich kommunizieren soll, als Lehrende, während ich vor den Studierenden stehe. Du kannst alles schaffen, aber sei dir über den Preis im Klaren, den du bezahlen musst, und was du aushalten können musst. Dass ich dann hier und da als Vorbild hergezeigt werde, da stehe ich mittlerweile nicht mehr so dahinter. Ich habe zwei Töchter, und frage mich natürlich auch, was sie in ihrem Berufsleben erwartet. 

Welche Veränderungen in der Branche wünschen Sie sich? Was würden Sie jungen, angehenden Architektinnen mitgeben? Wie stellen Sie sich eine gerechtere Architekturpraxis vor?

Die Architekturbranche in Deutschland hat ein Nachwuchsproblem, das lässt sich auch baukulturell ablesen. Wieviele junge Büros gibt es in MV? Für den Nachwuchspreis des BDA MAX45, für den ich den Juryvorsitz hatte, gab es genau eine Einreichung aus MV. Wenn es insgesamt für junge Architekten schwierig ist, Zugang zu Projekten zu bekommen, ein Büro zu gründen, ist es für Frauen fast unmöglich. Was ich jungen Architektinnen mitgeben kann, geht dahin, wo man euch ernst nimmt, und wo ihr wachsen könnt. Arbeitet mit Frauen zusammen, und macht euch zusammen stark.

Wie sind Sie zur Architektur gekommen? 

Große Teile meiner Familie arbeiten als Architekt:innen, hierdurch gab es einen Bezug zum Beruf; ursprünglich hatte ich vor, Journalistin zu werden, habe dann aber im Architekturstudium als generalistisches, breit angelegtes Studium einen größeren Reiz gesehen. 

Gab es Personen, die Sie inspiriert oder bestärkt haben, diesen Weg zu gehen?

Wahrscheinlich weniger. Ich hatte zur Architektur schon seit meiner Kindheit immer Kontakt, aber keine konkreten Vorbilder. Besonders mein Vater hat mich in meiner Berufswahl aber sehr bestärkt und unterstützt.

Wann haben Sie zum ersten Mal das Gefühl gehabt: „Ich werde Architektin“?

Das kann ich nicht konkret festmachen, wahrscheinlich in den höheren Studiensemestern bei der Arbeit in diversen Büros oder Praktika.

Wie haben Sie die Atmosphäre im Architekturstudium erlebt – insbesondere als Frau?

Ich habe von 2003 bis 2010 studiert bei wahrscheinlich recht ausgeglichener Geschlechterverteilung unter den Studierenden; die Atmosphäre (an der TU Berlin) habe ich als Frau im Studium wertschätzend und anregend erlebt. Wir hatten im Grundstudium eine sehr gute Professorin (Donatella Fioretti) und viele wissenschaftliche Mitarbeiterinnen in der Betreuung, so dass die Atmosphäre hier nicht negativ männlich dominiert war, sondern wir als Frauen ganz im Gegenteil eher eine große Gleichberechtigung in der Lehre und Vermittlung erlebt haben. 

Gab es Momente, in denen Sie sich weniger ernst genommen gefühlt haben? Wie wurden männliche vs. weibliche Studierende bewertet oder wahrgenommen? Haben bestimmte Aufgaben, Entwurfsbetreuungen oder Studio-Kulturen Geschlechterrollen reproduziert?

An Momente, in denen ich mich im Studium weniger ernst genommen gefühlt habe, kann ich mich – abgesehen vom „Alltagssexismus“ älterer männlicher Lehrender, den man als jüngere Frau sicherlich routinemäßig immer und branchenunabhängig erlebt – wenig bis kaum erinnern. Auch kann ich im Nachhinein keine unterschiedliche Bewertung von männlichen und weiblichen Studierenden erkennen – muss aber zugeben, dass sich das als Person, die immer eher in „gut aufgestellten“ und häufig gemischten Entwurfsteams gearbeitet hat und die im Entwurf häufig gutes Feedback für ihre Arbeit bekommen hat, anders darstellen kann als für andere Kommilitoninnen. 

Auch durch meine eigene Lehrtätigkeit beobachte ich aber die annähernd zwangsläufige Dominanz der männlichen Perspektive in die Architekturpraxis und -theorie hinein: Frauen sind in diesem Feld einfach so stark und über so lange Zeiträume unterrepräsentiert, dass es hier in der Vermittlung von Perspektiven zu einem extremen Ungleichgewicht kommt.

Wie war Ihr Übergang vom Studium in die Praxis?

Ich habe direkt nach dem Studium freiberuflich für mehrere Auftraggeber:innen gearbeitet, drei Jahre nach dem Diplom ein eigenes Büro gegründet und zwei Jahre nach dem Diplom begonnen, über Lehraufträge in der städtebaulichen Lehre zu arbeiten.

Hatten Sie das Gefühl, sich mehr beweisen zu müssen als männliche Kollegen?

Wie sicherlich auch viele andere Frauen habe ich – wie viele andere auch und dies seit Kindheit/Jugend „angelernt“ – ein Grundgefühl, mich mehr beweisen zu müssen als männliche Kollegen. Praktisch habe ich aber sicherlich bei dem von mir gewählten beruflichen Weg in einer männerdominierten Branche auch Vorteile durch mein Geschlecht in einer Branche, in der Frauen mit meinem Profil mit Professur und eigenem Büro stark unterrepräsentiert sind (z.B. in der Besetzung in Preisgerichten).

Welche Aufgaben haben Sie zu Beginn bekommen – und welche nicht?

Da ich seit meinem Diplom freiberuflich und dann selbstständig gearbeitet habe, kann ich die Frage nicht sinnvoll beantworten.

Wie sind Aufgaben in Ihrem Büro bzw. an Ihrem Arbeitsplatz typischerweise verteilt?

Auch diese Frage ist für mich als Professorin an einer FH und mit einem kleinen Büro nicht sinnvoll zu beantworten. Für die Arbeit an der Hochschule gilt leider im Grundsatz, dass aufgrund der Unterrepräsentation von Frauen an unserem Fachbereich (bei aber notwendiger Parität in Gremien) Frauen in der Selbstverwaltung praktisch eine höhere Beanspruchung erleben (bei gleichem Lehrdeputat).

Bekommen Sie die gleiche Anerkennung wie männliche Kollegen in vergleichbarer Position?

Im Grundsatz – und auf meine Arbeit bezogen – würde ich die Frage sowohl für meine berufliche Praxis als auch für die Tätigkeit an der Hochschule bejahen.

Welche Hürden haben Sie auf Ihrem beruflichen Weg erlebt?

Ich bin in der glücklichen Situation, auf meinem bisherigen beruflichen Weg auf keine größeren bzw. wesentlichen Hürden gestoßen zu sein. Aus persönlicher Sicht zu nennen ist hier sicherlich der notwendige Spagat zwischen Berufspraxis mit den Herausforderungen der Selbstständigkeit, Hochschullehre und Vereinbarkeit mit meinem Privatleben bzw. meiner Familie, der sich aus meiner Sicht in der Architektur durch eine relativ hohe Belastung anspruchsvoll gestaltet. Als junges und kleines Büro sowie im Berufsbild sehe ich diverse Hürden und große Herausforderungen, die in ihrer Komplexität und unter Berücksichtigung der Ausrichtung Ihrer Fragen hier den Rahmen sicherlich sprengen würden (Vergabeverfahren, hohes Risiko in der Selbstständigkeit, fehlende Auskömmlichkeit städtebaulicher Projekte, auf deren Bearbeitung wir im Büro einen Schwerpunkt haben etc.). Was aber auch dazugehört: Wäre ich nicht selbstständig tätig gewesen, hätte ich aber deutlich größere Einschränkungen erlebt!

Gab es einen Moment, in dem Sie bewusst gemerkt haben: „Das passiert gerade, weil ich eine Frau bin“?

Keinen Moment, an den ich mich bewusst erinnere – im Positiven höchstens die Aufforderung zu Juryteilnahmen, da es insgesamt weniger Frauen als Männer meines Alters mit ausgeprägtem städtebaulichen Profil in der beruflichen Praxis gibt.

Wie erleben Sie den Konkurrenzdruck, z.B. in Wettbewerben oder bei Beförderungen?

Den Konkurrenzdruck erlebe ich unabhängig von meinem Geschlecht; vor dem Hintergrund der Professur und Büroinhaberinnenrolle sind Beförderungen kein relevanter Punkt. An einer Hochschule und dem Fachbereich, an dem ich tätig bin, ist die Statusgruppe der Professor:innen stark männlich dominiert, was ich als nachteilig empfinde – sowohl für das Arbeitsklima als auch für die Arbeitsorganisation in der Selbstverwaltung.

Haben Sie jemals gegen geschlechtsbezogene Vorurteile ankämpfen müssen?

Nicht bewusst.

Wie vereinbaren Sie Arbeit und Privatleben?

Mein (Büro-) Partner und ich arbeiten seit unserer gemeinsamen Bürogründung in der Aufteilung von Kinderbetreuung, Haushalt und Arbeitszeit vollkommen gleichberechtigt, so dass ich in der privilegierten Situation bin, Arbeit und Privatleben gut und ausgeglichen vereinbaren zu können. Die grundsätzliche Belastung aus der Arbeit an der Hochschule, zumal mit dem hohen Lehrdeputat einer Fachhochschule, empfinde ich aber in Kombination mit dem Anspruch, auch in der Berufspraxis zu bleiben, und ausreichend Zeit für Privat- und Familienleben, aber sehr fordernd und belastend.

Ist die Architekturbranche mit ihren typischen Arbeitszeiten für Frauen (oder Menschen mit Care-Verantwortung) realistisch?

Wie viele andere Branchen ist auch die Architektur-, Bau- und Planungsbranche zu großen Teilen und insbesondere bei Tätigkeiten mit mehr Verantwortung oder Komplexität größtenteils nicht familienfreundlich oder gut mit Anforderungen im Privatleben vereinbar. Eine Ausnahme besteht hier aus meiner Sicht im Bereich der Verwaltung.

Haben Sie beruflich Nachteile erlebt, weil Sie Kinder bekommen haben?

Durch das gleichberechtigte Aufteilen von Beruf und Care-Arbeit mit meinem Partner bin ich hier sicherlich in einer privilegierten Position. Berufliche Nachteile habe ich durch mein Kind nicht erlebt. Dies aber auch, weil ich in der Selbstständigkeit sehr flexibel agieren und reagieren konnte (und in der finanziellen Situation war und bin, entsprechend und wenn nötig auch Kinderbetreuung in Anspruch zu nehmen).

Was müsste sich ändern, damit Care-Arbeit sich nicht negativ auswirkt?

Care-Arbeit müsste gesamtgesellschaftlich, nicht nur in unserer Branche, anders bewertet und honoriert werden, damit eine bessere zeitliche (und monetäre) Vereinbarkeit möglich wird. Für meine eigene Hochschultätigkeit bedeutet dies konkret die Flexibilisierung von Gremienterminen, z.B. durch eine mögliche Online-Teilnahme, und die Entlastung von Personen mit überdurchschnittlicher Belastung durch Care-Arbeit, z.B. durch Lehrbefreiungen. Für Studierende gilt dies an der Hochschule im gleichen Maß – an unserer Hochschule berücksichtigen wir deshalb mittlerweile die Pflege und Versorgung von Angehörigen auf Wunsch der Studierenden zum Beispiel in der deutlich verlängerten Bearbeitungszeit der Thesen.

Gibt es Beispiele, in denen Ihre Arbeit einem anderen (z. B. männlichen Kollegen) zugeschrieben wurde?

Nein, soweit es mir bekannt ist nicht.

Wie präsent finden Sie Architektinnen in Medien, Jurys, Publikationen und Architekturpreisen?

Leider sind Frauen in der Architektur nach wie vor stark unterrepräsentiert – insbesondere in vermeintlich oder tatsächlich „zeitraubenden“ Formaten wie Jurytätigkeiten. In Jurys stelle ich aber insbesondere fest, wie positiv sich ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis auf eine konstruktive Diskussion auswirkt!

Was kann Architektur tun, um gesellschaftliche Ungleichheiten zu verringern? Und welche Rolle spielen diese Themen überhaupt für Sie im Berufsalltag?

Insbesondere in der Lehre spielt die notwendige Veränderung von Rollenbildern und die Vermittlung von Diversität in der Planungskultur in meinem fachlichen Schwerpunkt (Städtebau) inhaltlich-fachlich eine bedeutende Rolle und das Interesse, insbesondere der Studentinnen, am Themenfeld (geschlechter)gerechter Stadtentwicklung ist erfreulicherweise sehr groß und stetig wachsend! Die Arbeit an der gerechten, inklusiven Stadt ist auch aus diesem Grunde seit mehreren Jahren ein besonderer Schwerpunkt in meiner Lehre. In der Architektur (hochbaulich wie städtebaulich) geht dies auch mit einer Berücksichtigung in der entsprechenden räumlichen Gestaltung einher. Bei Stellenbesetzungen, die ich mit beeinflussen bzw. bei denen ich Entscheidungen treffen kann, habe ich einen klaren Fokus auf der Besetzung von qualifizierten Frauen. In meiner Rolle als Professorin finde ich es darüber hinaus sehr wichtig insbesondere Frauen zu vermitteln, dass der Karriereweg „Professur mit Kind und eigenem Büro“ möglich und erfüllend ist, und dass Studentinnen sich ihre beruflichen Ziele hoch genug stecken und für sich vielfältige Möglichkeiten der Tätigkeitsbilder entdecken!

Was würden Sie jungen, angehenden Architektinnen mitgeben? Und wie stellen Sie sich eine gerechtere Architekturpraxis vor?

Von und für junge angehende Architektinnen wünsche ich mir ein wertschätzendes Umfeld, das man sich über frühe Netzwerkarbeit und Vernetzung (schon im Studium) auch selbst mit schaffen kann, sich selbst über die Unterrepräsentation von Frauen in der Bau- und 
Planungsbranche bewusst zu sein und diese mit verändern zu wollen, auch durch das eigene Wirken, die Fähigkeit, sich für Erfolge nicht „klein“ zu machen bzw. die eigene Arbeit zwar kritisch zu reflektieren, aber auch positiv bewerten zu können und Erfolge zu feiern und den Ehrgeiz, beruflich ambitionierte Ziele zu verfolgen und sich größeren Herausforderungen gern zu stellen und sich diese zuzutrauen!

Wie sind Sie zur Architektur gekommen? 
Ich habe ganz klassisch, wie es damals so war, in einem Berufsinformationszentrum einen Test gemacht, bei dem  zwei Lösungen rauskamen: Forstwirtin und Innenarchitektin. Und zu dem Berufsbild der Innenarchitektin dachte ich sofort: das passt wunderbar. Mir ist aufgefallen, dass ich viele Dinge, wie z.B. Grundrisse zeichnen schon als Kind und Jugendliche gemacht habe, Möbel gebastelt, Häuser angeguckt… Dann habe ich erst eine Ausbildung zur Raumausstatterin gemacht und anschließend studiert. 

Gab es Personen, die Sie inspiriert oder bestärkt haben, diesen Weg zu gehen?

Mich hat niemand inspiriert, es war rein testgesteuert. Ich bin auch nicht in einem Bildungshaushalt groß geworden, von daher gab es keine „Vorreiter“, es war, ich will nicht sagen Zufall, aber Bestimmung. 

Wann haben Sie zum ersten Mal das Gefühl gehabt: „Ich werde Architektin“?

Im Studium (2000-2006). Weil es sozusagen die Zielgerade war. Vorallem dachte ich auch, Innenarchitektin und Architektin ist sowieso das Gleiche, wir bauen zwar nicht in die Höhe, aber die Grundsätze sind dieselben. Und da habe ich eigentlich so richtig Feuer gefangen. 

Wie haben Sie die Atmosphäre im Architekturstudium erlebt – insbesondere als Frau?

Ich glaube in meinem Studium war es noch so, dass es sehr hierarchisch war. Der Professor war der Gott und egal ob Mann oder Frau, man hatte nichts zu melden. Die zwei, drei Lieblinge der Professoren haben dann ihre Entwürfe durchgekriegt und alle Anderen haben um die Gunst gebuhrt, bzw. hatte man nicht viele Optionen. 

Gab es Momente, in denen Sie sich weniger ernst genommen gefühlt haben? 

Ja, viele. Das habe ich aber nicht unbedingt als Frauenthema empfunden, sondern eher als Hierarchie. 

Wie wurden männliche vs. weibliche Studierende bewertet oder wahrgenommen? Haben bestimmte Aufgaben, Entwurfsbetreuungen oder Studio-Kulturen Geschlechterrollen reproduziert?

Aus meiner Sicht nicht unterschiedlich. Wie gesagt, es gab Lieblinge, das waren schon meist Männer. Und die Professoren waren ja auch meist Männer. Aber vielleicht war ich auch damals noch gar nicht so sensibilisiert dafür, weil ich ja aus der ehemaligen DDR komme, wo es ja beruflich nicht so viele Unterschiede zwischen Mann und Frau gab. 

Wie war Ihr Übergang vom Studium in die Praxis?

Ich habe nach einem Auslandsjahr in einem kleinen Architekturbüro in Berlin angefangen zu arbeiten und dort unterschiedliche Stufen gehabt. In den ersten zwei, drei Jahren habe ich viel gezeichnet (Apotheken, Messestände, etc.), also keine Bauleitung, sondern eher Assistenz, und die Praxis gelernt ohne Verantwortung in meinem Aufgabenfeld zu tragen. Parallel habe ich in Cottbus Architekturvermittlung studiert und halbtags gearbeitet. 

Hatten Sie das Gefühl, sich mehr beweisen zu müssen als männliche Kollegen?

In der Zeit hatte ich nicht das Gefühl, weil meine Verantworung wie gesagt sowieso noch nicht so groß war.  Das lag aber auch daran, dass ich nur Teilzeit arbeitete. Als ich dann Vollzeit gearbeitet habe, war es schon so, dass ich vorallem auf der Baustelle gemerkt habe, dass ich von den Bauarbeitern und anderen Planern weniger ernst genommen wurde, dass ich mehr leisten muss, dass ich mich mehr beweisen muss. Aber von meinen Kollegen im Büro und meinen Chefs habe ich das nicht erfahren. 

Welche Aufgaben haben Sie zu Beginn bekommen – und welche nicht?

Die ersten Jahre, in denen ich in der Architektur gearbeitet habe, waren die Aufgaben gleich verteilt. Die Verteilung ging, wenn eher, nach Erfahrung, als nach Geschlecht. 

Bekommen Sie die gleiche Anerkennung wie männliche Kollegen in vergleichbarer Position?

Anerkennung gab es grundsätzlich wenig. 

Welche Hürden haben Sie auf Ihrem beruflichen Weg erlebt?

Hätte ich Kinder gehabt, hätte ich definitiv Hürden erlebt. Das habe ich bei vielen Kolleginnen gesehen, die in Teilzeit gegangen sind und dadurch weniger Verantwortung bekommen haben. Ich persönlich habe später so etwas erlebt. Mittlerweile habe ich über 20 Jahre Berufserfahrung. In den kleineren Büros habe ich das nicht erlebt. Als ich dann in größere Büros gewechselt bin war das anders. Stärkere hierarchische Strukturen, aber auch stärkere männliche Strukturen. Da war es eindeutig so, dass Führungskompetenz ganz oft bei Männern gelegen hat. Es wurde den Männern zugeschrieben. 

Gab es einen Moment, in dem Sie bewusst gemerkt haben: „Das passiert gerade, weil ich eine Frau bin“?

Ja, später in größeren Büros ist mir das an einigen Stellen zum ersten Mal bewusst geworden. Einerseits weil ich eine Frau bin, andererseits aber auch, weil ich nicht bereit bin, mich diesen Strukturen zu beugen und bestimmten Menschen mehr Anerkennung entgegen zu bringen oder ihnen in den Arsch zu kriechen.

Haben Sie jemals gegen geschlechtsbezogene Vorurteile ankämpfen müssen?

Auf der Baustelle auf jeden Fall. Gerade wenn man viel Verantwortung hat im Kontakt mit Kollegen, und damit meine ich männlichen Kollegen, ist das schon noch Gang und Gäbe.

Wie vereinbaren Sie Arbeit und Privatleben?

Da ich keine Kinder habe lässt es sich gut vereinbaren. Ich denke sonst würde es anders aussehen. 

Ist die Architekturbranche mit ihren typischen Arbeitszeiten für Frauen (oder Menschen mit Care-Verantwortung) realistisch?

Ich würde sagen schon realistisch. Aber ich glaube umso weniger man arbeitet, desto weniger Verantwortung wird einem gegeben und so ist es schwierig mit weniger Prozenten in der Arbeitszeit einen verantwortungsvollen Job zu finden. 

Was ich wahnsinnig schade finde, gerade wenn man eine Führungsposition hat oder möchte, dann gibt es ganz selten Modelle wie geteilte Führungsrolle, wie es in Skandinavien der Fall ist, sondern dann wird es meistens Männern zugeordnet oder eben Frauen, wo Kinder  nicht da oder schon aus dem Haus sind. 

Was müsste sich ändern, damit Care-Arbeit sich nicht negativ auswirkt?

Ich denke ein genereller kultureller Wandel. Dass die Entwicklung weiter dahingeht, dass sich Care-Arbeit geteilt wird, dass es nicht automatisch auf Frauen zurückfällt und klar ist, dass Frauen in der Teilzeit landen. Es müsste auf jeden Fall ein gerechteres Steuersystem geben, denn so wird gefördert, dass Einer viel arbeitet und der Andere sehr wenig. Und Führungspositionen sollten geteilt werden, Verantwortung teilen, Kommunikation stärken bei Menschen mit Care-Arbeit, sodass individuell geschaut wird, wie die Person gefördert werden kann, wohin Der- /Diejenige generell möchte. 

Gibt es Beispiele, in denen Ihre Arbeit einem anderen (z. B. männlichen Kollegen) zugeschrieben wurde?

Nein. 

Wie präsent finden Sie Architektinnen in Medien, Jurys, Publikationen und Architekturpreisen?

Ich finde wir Architekt:innen bewegen uns ja sehr in unserer eigenen Bubble. Im BDIA gibt es regelmäßig sehr tolle Veranstaltungen. Ich finde was fehlt ist die Architekturvermittlung, also Architektinnen in der realen Welt. Eben in Medien, auch außerhalb von Architekturzeitungen und -publikationen, und auch außerhalb von den drei Stararchitekten, die Deutschland hat. Da würde ich mir viel mehr wünschen, was ist die Rolle, warum braucht man uns, was kann eine gute Architektur schaffen, wenn es um den Lebensraum geht. Also der emotionale Wert müsste viel mehr betont werden.

Was kann Architektur tun, um gesellschaftliche Ungleichheiten zu verringern? 

Das ist eine große Frage. Die Architektur ist meiner Meinung nach erstmal ein Arbeitsbereich von vielen, in denen gesellschaftliche Ungleichheiten verringert werden müssen. Aber genauso in jedem anderen Arbeitsbereich durch die schon genannten Themen.

Welche Rolle spielen diese Themen überhaupt für Sie im Berufsalltag?

Da ich inzwischen bei der Deutschen Energieagentur arbeite, was mit Architektur nur noch bedingt zu tun hat, muss ich sagen, dass es eine große Rolle spielt, weil es sehr viel um Energiewirtschaft geht und gesellschaftliche Ungleichheiten sich auch schon in diesem Thema widerspiegeln. Aber das möchte ich nicht weiter ausführen.

Welche Veränderungen in der Branche wünschen Sie sich? 

Mehr Sichtbarkeit außerhalb der Architektur-Bubble, mehr Emotionalität, warum Architekten nicht nur als „schwarz gekleidetete, arrogante Leute“ wahrgenommen werden sollten.

Was würden Sie jungen, angehenden Architektinnen mitgeben? 

Viel ausprobieren. Bloß nicht in einem Büro festbeißen, sondern mutig sein und unterschiedliche Arbeitsplätze ausprobieren. Ins Ausland gehen. Immer schauen, was der eigene Weg ist. 

Und wie stellen Sie sich eine gerechtere Architekturpraxis vor? 

Mit dem guten Beispiel vorangehen, indem wir so handeln, wie wir es uns wünschen.

Wie sind Sie zur Architektur gekommen? 

Mich hat ein Beruf interessiert, bei dem man gestalten kann und ein Ergebnis sieht.

Gab es Personen, die Sie inspiriert oder bestärkt haben, diesen Weg zu gehen?

Es gab im Bekannten oder Familienkontext keine Architekten. Ich habe das Fachabitur Richtung Architektur gemacht. Meine Lehrer waren inspirierend. 

Wann haben Sie zum ersten Mal das Gefühl gehabt: „Ich werde Architektin“?

Ich habe lange nicht gewusst, was ich machen möchte. Als ich das Fachabitur Richtung Architektur gemacht habe, kristallisierte sich der Wunsch, das Thema Architektur weiter zu verfolgen. Während der Schulzeit haben wir ein Projekt für ein Waisenhaus in Russland gemacht, bei dem es auch einen Schüleraustausch gab. Das war sehr bewegend und hat mir gezeigt, dass man mit Architektur etwas bewirken kann.  

Wie haben Sie die Atmosphäre im Architekturstudium erlebt – insbesondere als Frau?

Ich habe 1993 mit dem Studium begonnen. Es waren überwiegend männliche Studenten und 100% männliche Professoren. Die Atmosphäre war je nach Dozent verschieden. Insgesamt war die Stimmung entspannt. Zum Semesterende mit der Klausurenphase und dem Abgebestress eher angespannt. Es war aber wohlwollend und unterstützend. Ich war an einer kleineren Hochschule, man kannte sich. 

Gab es Momente, in denen Sie sich weniger ernst genommen gefühlt haben? 

Im ersten Semester gab es einen Professor, der die männlichen Studierende mehr unterstützt hat. Ich habe bei einer Präsentation im 2. Semester diese Frage von meinem Prof gestellt bekommen: „Wie soll die Hausfrau denn die Fenster putzen?“. Das würde heute hoffentlich nicht mehr gesagt werden.

Wie wurden männliche vs. weibliche Studierende bewertet oder wahrgenommen? 

Als weibliche Studentin musste man sich mehr beweisen. Wir haben in der Regel mehr an unseren Entwürfen gearbeitet und die Qualität war besser als bei vielen männlichen Studierenden, trotzdem wurden die Arbeiten gleich bewertet. 

Haben bestimmte Aufgaben, Entwurfsbetreuungen oder Studio-Kulturen Geschlechterrollen reproduziert? 

Nein, wir hatten in einer alten Autowerkstatt unsere Arbeitsräume. Dort haben wir gleichberechtigt gearbeitet. Die Entwurfsbetreuung musste man anmelden, alle haben die selbe Zeiteinheit bekommen.

Wie war Ihr Übergang vom Studium in die Praxis? 

1999 war es für Architekten schwer, einen Job zu bekommen. Ich hatte einen Freund, der einen großen Auftrag bekommen hatte und bei dem ich mitarbeiten durfte. Der Anfang war hart, da man auf viele Dinge nicht im Studium vorbereitet wurde. Ich musste erst einmal das Zeichenprogramm lernen. Wir waren zu dritt. Ich habe über mehrere Jahre 70-80 Stunden in der Woche gearbeitet. 

Hatten Sie das Gefühl, sich mehr beweisen zu müssen als männliche Kollegen? 

In den ersten Jahren im Architekturbüro nicht. Als ich mit Bauleitung anfing wurde der Wind eisig. Als junge Frau wird man auf der Baustelle nicht ernst genommen. 

Welche Aufgaben haben Sie zu Beginn bekommen – und welche nicht? 

Zeichnen, Modellbau, Ausführungsplanung, Detaillplanung. Da wir so klein waren, haben wir die Entwürfe gemeinsam diskutiert. Alle Meinungen waren gefragt.

Wie sind Aufgaben in Ihrem Büro / an Ihrem Arbeitsplatz typischerweise verteilt? 

Alle haben einen Überblick, sodass man sich auch vertreten kann. Jeder hat seine Kunden, die er betreut.  

Bekommen Sie die gleiche Anerkennung wie männliche Kollegen in vergleichbarer Position? 

Ja. Wir Frauen haben die Sache eher in der Hand und übernehmen die Verantwortung. 

Welche Hürden haben Sie auf Ihrem beruflichen Weg erlebt? 

Bauleitung war sehr hart. Als Frau leistet man im Schnitt mehr als Männer. Gerade wenn man Teilzeit arbeitet. Bessere Strukturierung, gewissenhafter, billige Arbeitskräfte.

Gab es einen Moment, in dem Sie bewusst gemerkt haben: „Das passiert gerade, weil ich eine Frau bin“? 

Ja.

Wie erleben Sie den Konkurrenzdruck, z. B. in Wettbewerben oder bei Beförderungen? 

Männer schaffen es im Schnitt immer, besser zu verhandeln. 

Haben Sie jemals gegen geschlechtsbezogene Vorurteile ankämpfen müssen? 

Ja.

Wie vereinbaren Sie Arbeit und Privatleben? 

Ich arbeite Teilzeit. Seit ich Mutter bin arbeite ich im öffentlichen Dienst. Das klappt. 

Ist die Architekturbranche mit ihren typischen Arbeitszeiten für Frauen (oder Menschen mit Care-Verantwortung) realistisch? 

Nein.

Haben Sie beruflich Nachteile erlebt, weil Sie Kinder bekommen haben? 

Jobwechsel, da Selbstständigkeit nicht möglich war mit Kind. 

Was müsste sich ändern, damit Care-Arbeit sich nicht negativ auswirkt? 

Care-Arbeit sollte bezahlt werden.

Gibt es Beispiele, in denen Ihre Arbeit einem anderen (z. B. männlichen Kollegen) zugeschrieben wurde? 

Klar.

Wie präsent finden Sie Architektinnen in Medien, Jurys, Publikationen und Architekturpreisen? 

Noch unterrepräsentiert.

Welche Rolle spielen diese Themen überhaupt für Sie im Berufsalltag? 

Keine.

Welche Veränderungen in der Branche wünschen Sie sich? 

Deregulierung von Normen. Mehr offene Wettbewerbe, Chancen für kleine und junge Büros. Patenschaften von großen Büros an junge Kollegen:innen, die sich selbstständig machen wollen. 

Was würden Sie jungen / angehenden Architektinnen mitgeben? 

Bleibt positiv, sucht euch nette Büros und Kollegen. Sucht euch eine Nische. Verfolgt eure Träume und eure Interessen. Man kann einige Jahre richtig powern. Lasst euch nicht ausbeuten. Bei Familiengründung eher öffentlicher Dienst, da geregelt und mit Familie kompatibler. Man muss gestalterisch Abstriche machen, gut bezahlt. Man ist dann in der Nehmerrolle und nicht mehr in der Zulieferrolle. 

Wie stellen Sie sich eine gerechtere Architekturpraxis vor?

Aufteilung der Care-Arbeit. Eine selbstverständliche 50%/50% – Aufteilung für Haushalt und Kinder.

Wie sind Sie zur Architektur gekommen?

Vom kleinen zum großen Maßstab: abgeschlossene Tischlerlehre, Innenarchitekturstudium und Architekturstudium.

Gab es Personen, die Sie inspiriert oder bestärkt haben, diesen Weg zu gehen?

Nein, eher der Berufsalltag: ich hatte einfach keine Lust jedem zu erklären, dass man auch als Innenarchitektin bauvorlageberechtigt ist.

Wann haben Sie zum ersten Mal das Gefühl gehabt: „Ich werde Architektin“?

Nach dem Abitur zur Studienfachwahl. Die Atmosphäre in Wismar war recht „unaufgeregt“.

Gab es Momente, in denen Sie sich weniger ernst genommen gefühlt hast?

Nein.

Wie wurden männliche vs. weibliche Studierende bewertet oder wahrgenommen?

Ich habe keine Unterschiede wahrgenommen.

Haben bestimmte Aufgaben, Entwurfsbetreuungen oder Studio-Kulturen Geschlechterrollen reproduziert?

Nein, nicht dass ich dies wahrgenommen hätte.

Wie war Ihr Übergang vom Studium in die Praxis?

Fließend. Ich habe neben dem Architekturstudium schon selbständig gearbeitet…

Hatten Sie das Gefühl, sich mehr beweisen zu müssen als männliche Kollegen?

Nein, wobei alle Bauarbeiter meinen Mann auf der Baustelle ansprechen, obwohl ich die Architektin bin. Ich werde mit meinem Fachwissen immer unterschätzt. Zunächst schien das ein Nachteil, inzwischen ist das ein unschätzbarer Vorteil.

Welche Aufgaben haben Sie zu Beginn bekommen – und welche nicht?

Ich war immer selbständig, daher: Alle!

Welche Hürden haben Sie auf Ihrem beruflichen Weg erlebt?

Keine.

Gab es einen Moment, in dem Sie bewusst gemerkt haben: „Das passiert gerade, weil ich eine Frau bin“?

Nein. Ich saß 6 Wochen nach der Entbindung wieder am Schreibtisch.

Wie erleben Sie den Konkurrenzdruck, z. B. in Wettbewerben oder bei Beförderungen?

Kann ich nicht sagen. Bin selbständig.

Haben Sie jemals gegen geschlechtsbezogene Vorurteile ankämpfen müssen?

Auf Baustellen halten viele Bauarbeiter Frauen zunächst für inkompetent.

Wie vereinbaren Sie Arbeit und Privatleben?

Es ist untrennbar miteinander verwoben.

Ist die Architekturbranche mit ihren typischen Arbeitszeiten für Frauen (oder Menschen mit Care-Verantwortung) realistisch?

Kommt auf die Leistungsphase an. Ich würde aber sagen, bis auf wenige Situationen in denen geliefert werden muss, ja.

Haben Sie beruflich Nachteile erlebt, weil Sie Kinder bekommen haben?

Nein.

Was müsste sich ändern, damit Care-Arbeit sich nicht negativ auswirkt?

Ich denke, das müssen die Partner unter sich klären. Wenn beide zu 50% bzw. je nach Bedarf dann der andere übernimmt, wirkt es sich bei mir bisher nicht negativ aus.

Gibt es Beispiele, in denen Ihre Arbeit einem anderen (z. B. männlichen Kollegen) zugeschrieben wurde?

Nein.

Wie präsent finden Sie Architektinnen in Medien, Jurys, Publikationen und Architekturpreisen?

Immer präsenter.

Was kann Architektur tun, um gesellschaftliche Ungleichheiten zu verringern?

Spannende Frage. Generationenübergreifende, zusammenführende Wohn/Arbeitskonzepte?

Welche Rolle spielen diese Themen überhaupt für Sie im Berufsalltag?

Kaum, da die Care-Arbeit gleichmäßig verteilt ist und wir uns die Arbeitszeit frei einteilen können.

Welche Veränderungen in der Branche wünschen Sie sich?

Spannende Frage, ich bin eigentlich zufrieden, aber wahrscheinlich auch kein Durchschnitt. Wenn ich in einem Büro im Angestelltenverhältnis arbeiten würde, sähe es sicherlich anders aus.

Was würden Sie jungen / angehenden Architektinnen mitgeben?

Einfach ihr Ding machen und fordern.

Wie sind Sie zur Architektur gekommen?

Mein Großvater war Architekt, mein Vater war Architekt. Ich bin viel auf Baustellen gegangen, sodass sich für mich auch relativ schnell dieses Interesse an der Architektur herausgeschält hat. Zudem hab ich in der Schule gerne naturwissenschaftliche Fächer und Kunst gehabt und dann erschien mir das als ideale Verbindung.

Wann haben Sie zum ersten Mal das Gefühl gehabt: „Ich werde Architektin“?

Schon als Kind. 

Wie haben Sie die Atmosphäre im Architekturstudium erlebt – insbesondere als Frau?

Sehr gut. Es gab einen großen Zusammenhalt, es war orientiert auf Gemeinschaft. Mit einigen pflege ich noch heute einen engen Kontakt.

Gab es Momente, in denen Sie sich weniger ernst genommen gefühlt hast?

Nein. Ich hatte am Anfang Sorge, ob ich mithalten kann. Die Kommilitonen kamen alle von Oberschulen und ich vom KJS (Kinder- und Jugend – Sportschule). Aber es war nicht der Fall. Ich denke sogar, dass ich durch meine Erfahrung im Leistungssport ein effizientes  Arbeiten gelernt habe.

Wie wurden männliche vs. weibliche Studierende bewertet oder wahrgenommen?

Gleich. Wir waren 50/50 besetzt von männlichen und weiblichen Studierenden. Nur der Lehrkörper war durchweg von Männern besetzt.

Haben bestimmte Aufgaben, Entwurfsbetreuungen oder Studio-Kulturen Geschlechterrollen reproduziert?

Nein. 

Wie war Ihr Übergang vom Studium in die Praxis?

Das war eigentlich perfekt. Während meines Studiums habe ich ja schon mein erstes Kind bekommen und ich wollte natürlich mit meinem Kind zu meinem Mann. Ich hatte mir also eine Arbeitsstelle in Rostock gesucht und erstmal mit das schlechteste Anfangsgehalt bekommen. Das waren genau 540 Mark. Das lag aber an der Haltung meines Chefs, der sagte „Erst die Leistung, dann das Gehalt.“. Ich musste mich also erstmal behaupten. Das wurde mit der Zeit dann mehr, aber man hat in der DDR ja sowieso nicht so viel verdient. 

Dort, beim Baubetrieb Rostock, habe ich relativ schnell meinen ersten Auftrag bekommen, in der Kröpeliner Straße, für ein barockes Haus das komplett von Schwamm befallen war. Es sollte abgerissen werden, doch ich hatte es damals so gelöst, indem ich gesagt habe, der Dachstuhl ist noch in Ordnung, die anderen Decken müssen dann eben aus Beton widerhergestellt werden. Daraus ist dann das Haus der Dienste entstanden. 

Über dieses Bauvorhaben konnte ich damals meine Diplomarbeit abwickeln. Zwei Jahre nach Fertigstellung meiner Diplomarbeit habe ich für dieses Projekt dann auch die volle Verantwortung bekommen und durfte die Baustelle leiten. Natürlich hat mein Chef mir da noch häufiger über die Schulter geguckt, aber das war alles in allem schon eine tolle Erfahrung mit meinen damals 27 Jahren.

Hatten Sie das Gefühl, sich mehr beweisen zu müssen als männliche Kollegen?

Nein.

Welche Aufgaben haben Sie zu Beginn bekommen – und welche nicht?

Die Aufgaben, die der Baubetrieb Rostock gerade zu lösen hatte. Zu Anfang kleinere Dinge, aber relativ schnell auch größere Projekte.

Wie sind Aufgaben in Ihrem Büro / an Ihrem Arbeitsplatz typischerweise verteilt?

Erst war ich mitarbeitende Architektin, bin dann relativ schnell zur Gruppenleiterin aufgestiegen und ab der Wende habe ich dann ja mein eigenes Büro gehabt und war die Chefin. Erst allein. Und später dann habe ich mir einen Partner mit ins Boot geholt, weil es sehr viel Arbeit war und ich zu dem Zeitpunkt ja schon zwei Kinder hatte. Aufträge haben wir je nach Absprache gemeinsam oder jeder für sich abgearbeitet. 

Bekommen Sie die gleiche Anerkennung wie männliche Kollegen in vergleichbarer Position?
Ja.

Welche Hürden haben Sie auf Ihrem beruflichen Weg erlebt?

Im Osten war es eine Zeit lang sehr schwierig, bis zum Ende der DDR, Material anzuschaffen. Manchmal hakte es auch familiär, wenn ich zu viel unterwegs war, dass dann mein Mann gesagt hat „So, pass mal auf, wir haben zwei Kinder, kümmere dich auch mal ein bisschen.“Also das wäre in der Rückbetrachtung sonst zu positiv. Also es waren die ganz normalen Schwierigkeiten, die man in so einer Beziehung eben auch hat, wenn beide beruflich viel zu tun haben. Wir haben das im Endeffekt aber immer ganz gut gelöst.

Gab es einen Moment, in dem Sie bewusst gemerkt haben: „Das passiert gerade, weil ich eine Frau bin“?

Zum Beginn sicherlich. Zumindest auf Baustellen gab es dann mal doofe Kommentare. Aber ich habe immer gesagt: „Okay, ich kann das hier vielleicht noch nicht so gut, aber dann müsst ihr mir helfen.“ Ich habe sie immer versucht mitzunehmen und dann ging das eigentlich relativ gut, wenn solche Probleme auftauchten. In den späteren Jahren gab es zwar mal Post für Herrn Barbara Haß, aber ich kann nicht klagen. 

Wie vereinbaren Sie Arbeit und Privatleben?

Mit meinem Mann. Halbe, halbe. Und als die Kinder klein waren gab es eine sehr gute Kinderbetreuung. Ich bin heilfroh, dass wir da im Osten waren. 

Ist die Architekturbranche mit ihren typischen Arbeitszeiten für Frauen (oder Menschen mit Care-Verantwortung) realistisch?

Na klar ist es realistisch, wenn man Leute hat, die mitziehen. Allein kannst du es nicht, das ist hart. 

Haben Sie beruflich Nachteile erlebt, weil Sie Kinder bekommen haben?

Nein, eigentlich nicht. Das Studium war hart mit Kind. Aber es hat mich im Nachgang nicht benachteiligt.

Was kann Architektur tun, um gesellschaftliche Ungleichheiten zu verringern?

Es müsste wieder mehr in Einrichtungen für Kinderbetreuung fließen.

Wie bist du zur Architektur gekommen? 

Zufällig, ich wollte unbedingt an die FAK in Heiligendamm und da gab es die Fachrichtung Innenarchitektur, ich dachte, ich probier’s mal. Nach 2 Wochen war alles für mich klar. Die Entscheidung für die Aufsattlung des Hochbaus kam im Planungsalltag, es gibt ja keine Grenze zwischen der Gestaltung von Innen und Außen, es gibt nur ein Ganzes, et voilà!  

Gab es Personen, die dich inspiriert oder bestärkt haben, diesen Weg zu gehen? 

Im Studium bin ich Bauten von Alvaro Siza begegnet, das fand ich unglaublich inspirierend, später Zaha Hadid und Frey Otto.

Wann hast du zum ersten Mal das Gefühl gehabt: „Ich werde Architektin“? 

2. Studienjahr, wir haben ein Gebäude entworfen und ich dachte ja, unbedingt alles, nicht nur den Innenraum, ein lebendiges Konstrukt.

Wie hast du die Atmosphäre im Architekturstudium erlebt – insbesondere als Frau? 

Kann ich kaum sagen, ich hab ja Innenarchitektur studiert. Das sind fast nur Frauen gewesen.

Wie war dein Übergang vom Studium in die Praxis? 

Hart. Überstunden ohne Ende.

Hattest du das Gefühl, dich mehr beweisen zu müssen als männliche Kollegen? 

Auf jeden Fall.

Welche Aufgaben hast du zu Beginn bekommen – und welche nicht? 

Ich war einfach wesentlich fleißiger als meine Kollegen und damit hat sich das anders entwickelt.

Wie sind Aufgaben in deinem Büro / an deinem Arbeitsplatz typischerweise verteilt? 

In meinem Büro gibt es keine geschlechtsspezifischen Aufgaben.

Bekommst du die gleiche Anerkennung wie männliche Kollegen in vergleichbarer Position? 

Ich bin meine eigene Chefin.

Welche Hürden hast du auf deinem beruflichen Weg erlebt? 

Ich wurde anfangs nicht ernst genommen und muss mich immer wieder mal behaupten. Grundsätzlich wird mir nicht so viel Kompetenz zugetraut, bis man unsere Arbeit kennengelernt hat.

Gab es einen Moment, in dem du bewusst gemerkt hast: „Das passiert gerade, weil ich eine Frau bin“? 

Ja, sehr viele und immer wieder mal. Manchmal sogar mit Kollegen, die mich schon länger kennen.

Wie erlebst du den Konkurrenzdruck, z. B. in Wettbewerben oder bei Beförderungen? 

Unterschiedlich, manchmal gibt es auch Vorteile eine Frau zu sein, dann ist es leichter.

Hast du jemals gegen geschlechtsbezogene Vorurteile ankämpfen müssen? 

Ständig.

Wie vereinbarst du Arbeit und Privatleben? 

Besser als früher, es hat eine Weile gedauert bis ich eine Balance gelernt habe.

Ist die Architekturbranche mit ihren typischen Arbeitszeiten für Frauen (oder Menschen mit Care-Verantwortung) realistisch? 

Ja, wenn es einen guten Background gibt, also entweder das Team die Zeiten abfedern kann oder Familie einspringt.

Hast du beruflich Nachteile erlebt, weil du Kinder bekommen hast? 

Natürlich.

Was müsste sich ändern, damit Care-Arbeit sich nicht negativ auswirkt? 

Es müsste eine selbstverständliche und gleichmäßige Aufteilung auf beide Elternteile geben.

Gibt es Beispiele, in denen deine Arbeit einem anderen (z. B. männlichen Kollegen) zugeschrieben wurde? 

Ja, das passiert immer wieder mal, früher war das häufiger.

Wie präsent findest du Architektinnen in Medien, Jurys, Publikationen und Architekturpreisen? 

Relativ präsent.

Was kann Architektur tun, um gesellschaftliche Ungleichheiten zu verringern? 

Das Umdenken findet in den Köpfen statt, aber die junge Generation geht ganz anders daran, als meine eigne oder die Generation davor.

Welche Rolle spielen diese Themen überhaupt für dich im Berufsalltag? 

Nicht mehr so viel, es ist so und wir können damit umgehen, es wird ja auch immer leichter, je mehr junge Menschen in Führungspositionen kommen.

Welche Veränderungen in der Branche wünschst du dir? 

Eine KI die wirklich effizient die ganzen Vorschriften und relevanten Gesetze filtert, bestenfalls einen automatisierten Bauantrag und zeitnah geprüfte Bauanträge. Mitarbeiter in den Ämtern, die wirklich unterstützen wollen, und nicht passiv verhindern.

Was würdest du jungen / angehenden Architektinnen mitgeben? 

Eine klare Haltung zur Gestaltung und zu den Menschen zu entwickeln, die von Innen kommt und nicht durch Insta-Bilder überlagert ist. Keinen Kopf machen um Ungerechtigkeiten, die gibt es immer in irgendeiner Weise, das setzt viel Potenzial frei, einfach machen.

Wie stellst du dir eine gerechtere Architekturpraxis vor?

Ich weiß nicht, ob das überhaupt geht, wichtiger ist vielleicht, dass wir lernen mit den Unwägbarkeiten umzugehen und uns gegenseitig zu fördern. Es hat ja auch einen gewissen Reiz mit einer anderen Haltung an Dinge heranzugehen. Verschiedene Sichtweisen zu integrieren, sich zuzuhören. Wir werden da nie jedem gerecht werden können. Es gehört ja auch zum Berufsbild, sich durchzusetzen, für etwas zu stehen und eben seinen eigenen Weg zu gehen, um der Uniformität zu entkommen.




HAUS-FRAUEN – ein Seminarprojekt zu Frauen in der Architektur.
Fakultät Gestaltung, Hochschule Wismar (WS 2025/26).

Updates zum Projekt werden hier veröffentlicht.

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